Das Vaterunser

Gebet der Gebete

Hände

Gebete sind Verbindungen zu Gott - das Vaterunser ist der Klassiker

Bild: Susann Städter / photocase.de

„Herr lehre uns beten!“ bitten schon in der Bibel die Freunde Jesu ihren Meister. Seine Antwort ist klar, verständlich und umfasst alle Bereiche des Lebens - ein Gebet für den Hausgebrauch.

Ein Schweizer Taschenmesser hilft in allen Lebenslagen. Genial, wie die Erfinder verschiedenste Werkzeuge auf engstem Raum so zusammengepackt haben, dass man es jederzeit aus der Tasche ziehen kann. Greifbar und tauglich für viele Situationen wünschte sich Jesus auch das Beten der Menschen. Orientiert an den wichtigen Gebeten, die er als frommer Jude kannte, lehrte er die Seinen ein Gebet, dessen besondere Bedeutung heute auch darin liegt, dass Christen seine Worte direkt auf Jesus zurückführen.

So öffnet das Vaterunser also nicht nur eine Aussicht auf den „Vater im Himmel“, es mobilisiert auch Erinnerungen an Jesus von Nazareth. Das Vaterunser wirkt in viele Richtungen. Es spricht allermenschlichste Bedürfnisse an und hat zugleich einen Blick für den großen, umfassenden Verlauf der Welt- und Heilsgeschichte. Dieses Gebet ist wie ein Modell für ein Leben, in dem Gegensätze zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfinden. Das könnte der Grund sein, warum Jesus empfahl, dieses Gebet immer wieder zu sprechen - vor allem dann, wenn uns die Worte fehlen.

Vater Unser, geheiligt werde dein Name

Gemischte Gefühle: Mit Vätern ist das so eine Sache. Man kann sie lieben, sich mit ihnen streiten oder sie bewundern. Auf kürzestem Raum bringt das Gebet zusammen, was wir uns oft widersprüchlich von Gott wünschen: Nähe, Sanftheit, aber auch Kraft und dass er anders ist als wir. Wenn wir beten, erhoffen wir Beruhigung und Trost, aber auch die Aussicht, dass sich etwas ändern kann. Wir brauchen einen Gott, der uns versteht. Gleichzeitig wollen wir ihm zutrauen, dass er irgendetwas für uns tun kann, was auch immer das sei.

Eine ganze Welt: Am Anfang des Vaterunsers öffnet sich eine ganze religiöse Welt: Unsere Seelen und Gefühle gehören zu ihr genauso wie die Aussicht auf einen viel weiteren Sinn. Wenn wir das Vaterunser sprechen, betreten wir diese andere Welt. In der evangelischen Kirche glauben wir eigentlich nicht, dass Gebete und Texte schon eine Wirkung entfalten, nur weil man sie gesprochen hat. Aber das Vaterunser kommt einem solchen Gedanken schon nahe. Schon beim Aussprechen könnten Dinge in Bewegung geraten in uns und um uns. Das Vaterunser ist dann mehr als ein Gebet zu Gott. Es ist auch ein Bekenntnis gegenüber der Welt.

Dein Reich komme, Dein Wille geschehe Wie im Himmel, so auf Erden.

Beten ist eigentlich eine private Sache. Aber das Vater bleibt nicht persönlich, es lädt ein zu einem ganzheitlichen umfassenden Gebet: Himmel und Erde gehören zusammen. Wer betet, darf alles vor Gott bringen, sei es geistlich oder ganz praktisch, privat oder im öffentlichen Interesse. Innerlich ganz weltweit beten…. So ist in dieser Bitte eine ganze Welt enthalten. Die Fülle der Anliegen bekommt hier ein Thema: Dein Reich komme, dein Wille geschehe. Es ist gut zu wissen, dass Jesus in einer Zeit lebte, in der man Gottes Willen nicht als Gebot von oben verstand, sondern als eine das Leben begleitende Hilfe. Diese Bitte ist auch keine Befehlsausgabe. Sie hat viel mehr von einem Segenswunsch: Wenn Gottes Wille geschieht, geht es der Welt und ihren Menschen gut.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Kopf- oder Bauchtyp? „Gottes Liebe geht durch den Magen.“ Diese Bitte stellt uns mitten in das Leben und spricht menschlichste Sorgen um ein sicheres Leben an. Weit über die Grenzen von Religionen hinaus können Menschen diesen Worten zustimmen. Niemand hungert gerne. Kaum ein Text der Menschheitsgeschichte führt in solcher Kürze irdische Bedürfnisse und geistliche Sehnsüchte so nahe zusammen. Denn gleichzeitig enthält diese Bitte eine wichtige Anregung zum Nachdenken: Wir Menschen sorgen für unseren Lebensunterhalt, aber dass wir über all die Zeit am Leben bleiben … steht das nicht in Gottes Hand? Für diejenigen, die mehr als genug zu essen haben, enthält er eine weitere Anfrage: Was bedeutet es, dass so viele Menschen nichts zu essen haben, weil es uns nicht gelingt, eine gerechte Verteilung der Nahrungsüberschüsse zu erreichen?

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Ich glaube, Gott kann Vergebung besser als wir. Deshalb habe ich bei dieser Bitte immer den Eindruck, sobald ich sie spreche, kommt sie sofort zurück zu mir. Dann denke ich an Familienstreitigkeiten, an Erbfeindschaften zwischen Fans von Sportballvereinen und an Krieg. Ich fühle mich durch diese Worte in die Pflicht genommen, mehr für Versöhnung und Verständigung zu tun. Eine solche Friedensarbeit hat wenig mit Selbstdisziplin zu tun. Ihre Wurzel liegt viel mehr in den Erfahrungen mit Gott. Er verzeiht Fehltritte. Er gibt die Möglichkeit, neu anzufangen. Das Volk Israel erzählt in seiner Geschichte davon. Jesus erzählt Gleichnisse dazu. Im Sprechen wird diese Bitte zu einer Erinnerung an Gottes Versöhnung und gleichzeitig zur Aufforderung, die Zukunft im Geist der Versöhnung zu gestalten.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Sieht das große Gebet auch in die privaten Winkel des Lebens? Bei Versuchung denke ich an schnelle Geldanlagen, fragwürdige Internetseiten, wenn ich gut gelaunt bin, dann auch an die „süße“ Versuchung durch Schokolade. An dunklen Tagen spüre ich Bitterkeit. Versuchung tritt uns in vielerlei Gestalt gegenüber, für das Böse finde ich manchmal Bilder in den Nachrichten… Diese Worte enthalten viel Einsicht über die Grenzen des Menschlichen. Aber wir sind nicht für alles Böse persönlich haftbar zu machen. Manchmal haben wir den Eindruck, in der Welt gäbe es noch ein „unpersönliches“, ein strukturelles Böses, gegen das nichts zu machen sei. Es ist dann angemessen und auch ermutigend, wenn wir uns nicht nur auf unsere eigene Fähigkeit zur Selbsthilfe, sondern auch auf Gottes Hilfe verlassen können.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. AMEN.

Die letzten Worte des Vaterunsers sind kein Abschluss. Sie sind ein Ausblick. Sie enthalten die Hoffnung, dass es einmal eine Welt gibt, in der die Anliegen des Gebetes schon erledigt sind: Gerechtigkeit statt Armut, Freiheit statt Unterdrückung, Herrlichkeit statt Armut. Damit das gelingt ist es wichtig, dass Gott nicht nur einfühlsam, sondern auch stark ist. Diese Stärke bedeutet Zuflucht und Hoffnung. Als Jesus den Menschen das Vaterunser gab, ging es ihm neben den konkreten Anliegen auch darum, dass Menschen nicht gefangen bleiben in einem unvollkommenen Leben. Für uns ist wichtig, dass unsere Welt offen ist für Lösungen, für andere Gedanken, für die eine oder andere Überraschung und gute Wendung im Privaten und im Öffentlichen. Zukunft hat im Glauben dann einen eigenen Namen: Sie heißt Ewigkeit.


11.07.2014 / Wolfgang Leyk
drucken