Gebete in der Passionszeit

Den Leidensweg mitgehen

Zertretene Rose auf dem Asphalt

 

Bild: Koosinger / photocase.de

In der Passionszeit meditieren Christen das Sterben Jesu Christi. Dabei blicken sie auf das Leiden der Welt: Sie beten für kranke, verfolgte und sterbende Menschen, aber auch für die leidende Kreatur.

Wir stehen unter deinem Kreuz, Herr Jesus Christus,
und sehen dich an dem Balken hängen,
den du selber auf diesen Hügel
geschleppt hast, mit letzter Kraft,
unter unendlichen Schmerzen,
begleitet vom Gespött der Menge,
den Schrei deines Volkes im Ohr:
„Kreuzige ihn!“ – von deinen Freunden verlassen
Verraten, verleugnet, allein.

Und so,
schmachvoll ans Kreuz gehängt,
wirst du uns, Herr, zur Brücke –
zur lebendigen Brücke –
zwischen Gott und uns –
zu unserem Heil –
wir beten dich an.

Wir stehen unter deinem Kreuz,
Herr Jesus Christus,
und sehen deine ausgestreckten Arme:
und wir sehen deine angenagelten Hände:
unbeweglich festgemacht
durchbohrt und ausgeblutet –
Deine Hände,
die einst liebevoll Blinde heilten –
Deine Hände, die berührten, die segneten, den Weg zeigten,
die das Brot brachen für uns.

In diese Hände
dürfen wir uns bergen,
wir, die wir irgendwo angenagelt sind:
durch unsere Geschichte
durch unsere Vergangenheit
und Gegenwart durch unser Tun und Lassen.
In diesen deinen Händen liegt unser Heil –
wir beten dich an.

Wir stehen unter deinem Kreuz,
und sehen deine angenagelten Füße:
deine Füße, die unermüdlich das Verlorene suchten
und dem Verirrten nachspürten –
Deine Füße, die keinen Weg
keine Mühe, keine Nacht scheuten –
deine Füße, mit vielen Tränen der Hingabe benetzt,
mit kostbarem Balsam gesalbt.

An diese Füße
dürfen wir uns klammern,
wir, die wir auf Abwegen sind
wir, die wir keinen Weg mehr sehen
wir, die vor Angst unbeweglich und starr geworden sind.
In diesen Füßen beginnt ein neuer Weg.
Wir beten dich an.

Wir stehen unter deinem Kreuz,
Herr Jesus Christus,
und sehen deinen zerschundenen Körper,
von Schlägen verletzt,
blutig geschlagen,
aufgerissen bespuckt und beschmutzt,
der schaulustigen Menge preisgegeben,
machtlos sterbend.

An diesen deinen Leib
drückst du uns,
die wir Verletzungen und Narben in uns tragen –
beschmutzt und geschlagen sind – und sterbend.
In deinen Wunden liegt unser Heil.
Wir beten dich an.

Wir stehen unter deinem Kreuz,
Herr Jesus Christus,
und sehen deine Augen und spüren deinen Blick:
Dein Blick berührt die Folterknechte und verzeiht.
Dein Blick segnet die Menschen,
die dich verspotten und verhöhnen,
Dein Blick bittet für sie alle.

Dein Blick, Herr, umfängt auch uns:
unsere Unruhe und unsere Distanz,
unsere Zweifel und Fragen,
unseren Schmerz im Loslassen.
Dein Blick heilt, dein Blick ist unser Heil.
Wir beten dich an.

Wir stehen unter deinem Kreuz,
Herr Jesus Christus,
und erleben deinen Schrei:
deinen Schrei nach Freundschaft,
deinen Schrei nach Nähe und Liebe,
nach Geborgenheit und Heimat,
deinen Schrei nach deinem Vater.
Dein Schrei kommt aus der Tiefe aller Tiefen
und da: im Verließ aller Verlassenheit
legst du dich
und deinen Geist,
deinen Leib und
deine Seele
in die Hände deines Vaters.

In deinem Schrei, Herr,
sind aufgefangen und aufgehoben
all unser Klagen und Weinen,
unsere Einsamkeiten
und unsere Verlassenheiten,
unser Warum und unser Wozu,
in deinem Schrei bettest du uns in das
ewig liebende Herz deines Vaters –
uns zum Heil. Wir beten dich an.

Wir stehen unter deinem Kreuz,
Herr Jesus Christus, und Finsternis bricht herein,
Dunkelheit umgibt uns, Angst umklammert uns,
unser eigenes Sterben – unser eigener Tod –
wir selber.

Aber
mit deinem Sterben, Herr Jesus, findet alle Finsternis ein Ende –
öffnen sich unsere Gräber und Verließe –
beginnen unsere Lebensfelsen zu beben
und brechen unsere steinharten Herzen auf –
mit deinem Sterben, Jesus, erweckst du Totes zum Leben.

So wollen wir aushalten unter deinem Kreuz –
bis uns dein Kreuz gewandelt hat,
gewandelt
durch Angst zur Befreiung –
durch Leid zur Freude –
durch Verlassenheit zur Gemeinschaft –
durch Sterben zum Auferstehen –
durch Tod zum Leben.
Wir beten dich an.

Im Kreuz ist Heil,
im Kreuz ist Leben,
im Kreuz ist Hoffnung.

Sr. Ruth Meili CCR, Communität Casteller Ring (gekürzt)

Gedenken an die Märtyrer unserer Zeit

Lasst uns beten für Frauen und Männer,
die in unseren Tagen schreckliche Leiden bis zum Tod ertragen mussten,
weil sie Würde und Menschenrechte der Ärmsten eingefordert
und die Willkür der herrschenden Herren beim Namen genannt haben.

Unter ihnen Glaubensgeschwister aus den Gemeinden Jesu in aller Welt
und Menschen, die aus anderen Quellen
die Kraft zur Liebe und zur Wahrheit geschöpft haben,

Ihnen
und auch denen, die nach dem Willen der Herrschenden
ohne Aufsehen und ohne unser Wissen
für immer verschwinden sollen,

schenke eine Stimme über den Tod hinaus,
die uns Lebenden den Weg weist,
damit der Friede und das Brot sich mehren können
und Gottes Wille geschieht auf Erden.


26.06.2014 / Anne Lüters